Der kleine Herr Rodenbach
Gibt es das? Du erinnerst dich nicht an den kleinen Herrn Rodenbach? Wie kann das sein? Gehörte er doch zu unserer Dorfprominenz, war vielleicht sogar bekannter als Ihre Hochwürden Monsignore Weihrauch, seines Zeichens Seelentröster und Hausherr in Sankt Pankratius, oder als der alte Doktor Lavander, der dem halben Dorf auf die Welt verholfen hatte.
Vielleicht liegt es an der Bezeichnung ‚Herr’, die bei dem Mann irgendwie fremd anmutet. Zugegeben, Herr Rodenbach stellte alles andere als einen Herrn dar. Er war ein altes, dürres Hutzelmännchen, höchstens einen Meter und sechzig Zentimeter hoch. Selbst auf seinem Rad – einem Vehikel aus den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts und eigentlich für Damen gebaut –, auf dem er tagein tagaus vom frühen Morgen bis zum späten Abend das Dorf und seine Umgebung durchquerte, wirkte er winzig. Wenn überhaupt, nahmst du ihn erst wahr, wenn er dicht an dir vorbeifuhr. Im Schneckentempo, aber stetig in die Pedale tretend. Eine kleine, unscheinbare Menschenmaus auf zwei Rädern.
Nahmst du dir die Zeit, ihn genauer zu mustern, fiel dir als Erstes der graue Fahrradhelm auf, der – von einem Riemen unter dem Kinn wie ein Stahlhelm fest gezurrt – seine Ohrenschützer nach unten drückte. In seinem Schatten ein zerknittertes, kleines Mondgesicht, das fast ganz von einer übergroßen, altmodischen Radlerbrille verdeckt wurde. Sommers wie winters, bei Sonnenschein und Regen trug er die graue, wetterfeste Jacke mit hoch gestelltem Kragen, die nahtlos in ein ebenso regendichtes, graues Beinkleid überging. Von seinem Körper sahst du eigentlich nur die kleinen Hände. Allerdings bloß im Sommer. Im Winter steckten sie in Handschuhen. Deren Farbe? Nun, natürlich grau!
Er erschien dir so mit seinem Rad – auch das grau, silbergrau immerhin – verwachsen, dass es dich fast verwunderte, wenn er abstieg und auf Beinen stand. Er schien – der griechischen Mythologie entsprungen – ein Zwitterwesen, eine Art Pferdemensch zu sein. Nur dass der pferdeartige Unterbau von zwei Rädern gebildet wurde.
Natürlich hatte das Absteigen einen Grund. Er durchsuchte jeden öffentlichen Müllbehälter, jeden Parkbankmülleimer, jeden Tankstellencontainer. Vertraut war ihm die Umgebung des dörflichen Festsaals und aller Begegnungsstätten im Dorf, in denen Feten und Feste gefeiert wurden. Nicht dass er ein Müllkontrolleur gewesen wäre! Du ahnst es schon. Er sammelte Bier- und Wasserflaschen, Dosen und Blechbehälter. Überhaupt alles, auf dem ein Pfand lag. Wurde er fündig, verstaute er das Leergut in einer der großen Radtaschen, die – auf seinem Gepäckträger befestigt – am Hinterrad klebten, oder in dem großen Korb am Lenker.
Beinahe jeder hielt ihn für einen armen Schlucker, der durch die Sammeltätigkeit seine dürftige Rente aufzubessern versuchte. Aussehen und Tätigkeit passten zusammen. Auch sein Domizil, ein etwas heruntergekommenes altes Fachwerkhaus, bestätigte den Eindruck. Und so verwunderte es nicht, dass ihm der eine oder andere mitleidig eine Münze oder einen Geldschein in die Hand zu drücken pflegte. Er nahm beides mit einem leisen „Danke“ und stillen Lächeln entgegen. Viele Worte lagen ihm nicht und erst recht keine großen.
Neulich konntest du aber zu deiner großen Verwunderung im Gemeindeblättchen lesen, dass ihm der Landrat das Bundesverdienstkreuz verliehen habe. Er und der Landrat groß im Bild. Er in der bekannten grauen Kluft und natürlich auf seinem Fahrrad. Neugierig suchtest du in dem Artikel nach einer Antwort auf die Frage, worin denn seine Verdienste um die Allgemeinheit bestünden. Und da stand es dann: Er hatte jahrelang Leergut gesammelt, um ein Waisenhaus in Afrika zu unterstützen. Und über die Jahre eine Summe von mehreren Tausend Euro zusammengebracht. Tausende von Euro mit Leergut! Was für eine Leistung!
Gestern fand nun seine Sammeltätigkeit ein Ende. Ungewollt. Wie man im Dorf erzählte, sei er wie üblich an der Ortstankstelle vom Rad gestiegen, um die Abfallkörbe zu durchsuchen. Plötzlich habe er, wie der Tankstellenpächter berichtete, geschwankt und sei über einem Abfalleimer zusammengebrochen. Ohne einen Laut von sich zu geben. Der Arzt habe nur noch seinen Tod feststellen können. Herzschlag. Ein schönes Lebensende also. Sicherlich kurz und vermutlich auch schmerzlos. Doch ein Verlust für das Dorf: Es hat eines seiner Originale verloren. Und erst recht für das afrikanische Waisenhaus. Denn ein Nachfolger, der sein Geschäft für ihn weiter betriebe, ist nicht in Sicht. Es sei denn, du hättest Lust…? Sein Fahrrad stünde dir jedenfalls zur Verfügung. Nicht aber die Arbeitskluft. In der ist der kleine Herr Rodenbach nämlich begraben worden.